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Zwölf Jahre ohne eine Berührung

Im Rahmen der fairen Woche war ich in St. Antonius in Vaihingen an der Enz eingeladen ein Glaubenszeugnis abzugeben. Mein Thema war Mensch. Würde. Unantastbar. Passend zu meiner Ausstellung. 🙂

Liebe Schwestern und Brüder,
das heutige Evangelium erzählt von einer Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen leidet. Zwölf Jahre – eine halbe Ewigkeit. Eine Frau, die isoliert war, ausgegrenzt, gemieden. Wir wissen heute: Eine Krankheit wie ihre ist nicht gefährlich für die Umwelt. Aber damals war sie etwas Bedrohliches, etwas Unreines. Die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor Ansteckung, die Angst, das eigene Leben vielleicht dadurch verlieren zu können – all das hat die Frau an den Rand gedrängt.

Ich stelle mir ihre Einsamkeit vor. Zwölf Jahre ohne eine Berührung. Zwölf Jahre, in denen niemand sie umarmt, niemand sie an die Hand genommen hat. Zwölf Jahre mit dem Stempel: „Unrein. Nicht dazugehörig. Gefährlich.“ Wie oft mag sie sich klein gefühlt haben, sprachlos, ja unsichtbar?

Und dann wagt sie es. Sie tut das Verbotene. Mit zitternden Händen drängt sie sich durch die Menge. Sie hat Angst, entdeckt zu werden, Angst, weggestoßen zu werden. Und doch – sie berührt Jesus. Nur den Saum seines Gewandes. Mehr traut sie sich nicht. Aber diese Berührung verändert alles für sie.

Jesus spürt sie. Er bleibt stehen. Er schaut sich um. Er ruft sie heraus. Und er sagt ein einziges Wort, das ihr ganzes Leben verändert: „Meine Tochter.
Nicht „die Blutflüssige“. Nicht „die Unreine“. Nicht „die Ausgegrenzte“.
„Meine Tochter.“
Mit diesem einen Wort gibt Jesus ihr alles zurück, was ihr genommen worden war: Würde. Identität. Heimat. Sie ist wieder jemand. Angesehen. Geliebt.


Wenn ich diese Geschichte höre, dann frage ich mich:

Wie ist das bei mir heute?
Welche Seite erlebe ich? Beide?

Ich erlebe, wie schnell Menschen an den Rand gedrängt werden, wenn sie krank sind, nicht mehr mithalten können oder weil sie schlicht „anders“ sind. Manchmal ertappe ich mich sogar selbst dabei, dass ich in der Eile des Alltags nicht genau hinschaue – und dabei jemanden übersehe, der meine Nähe bräuchte – dem ich ein freundliches Wort hätte sagen können – dem ein liebevoller Blick gut getan hätte.

Ich kenne aber auch dieses Gefühl, dass ein Stück meiner Würde verloren gehen kann. Ich habe es selbst schon gespürt – wenn ich aufgrund Krankheit zurückgezogener leben muss oder ich einfach nicht den Erwartungen meiner Umgebung entsprochen habe. Wenn Menschen sich nicht für mich interessieren oder nur für sich selbst Interesse zeigen. Manchmal geht es schneller als ich es wahrhaben möchte.

Ich habe auch Menschen vor Augen, die mir nahe sind und die ausgegrenzt wurden, weil sie nicht mehr mithalten konnten. Ich erlebe mich, wie ich versuche neue Brücken zu schlagen und merke wie ich auch damit – manchmal allein – an meine Grenzen stoße.

Ich denke an Situationen, in denen Fehler das letzte Wort hatten – und nicht die Chance auf Neubeginn.

Es gäbe noch sehr viel mehr Beispiele, die ich hier und heute nennen könnte.

Diese unsichtbaren Mauern – ich habe sie selbst erlebt – von beiden Seiten. Sie machen klein. Sie lassen einen verstummen. Sie lassen einen unsichtbar werden.

Und doch:
Ich habe auch erfahren, dass Menschen mich sehen und mir die Hand reichen.
Ich habe auch erfahren, dass Gott mich ansieht. Dass er durch diese Mauern hindurchschaut. Dass er mich herausruft. Und dass er mir Würde gibt, gerade dort, wo ich sie selbst nicht mehr gespürt habe.


Wenn ich Fotos von den kleinen Holzkönigen von Ralf Knoblauch mache, spüre ich diese Würde immer wieder. Sie sind für mich zu einem Symbol für die Würde eines jeden geworden.

Wenn ich sie fotografiere, dann höre ich manchmal bereits die Sätze, die ich dazu schreiben werde. Kleine Texte, die zu mir sprechen – und vielleicht auch zu Ihnen. Sie sind für mich kleine Gebete. Erinnerungen daran, dass jeder Mensch Würde hat. Auch der, der am Rand steht. Auch der, der vergessen scheint. Auch der, der mir das Leben schwer macht.


Liebe Gemeinde,
was mich an diesem Evangelium so bewegt, ist der Mut der Frau. Sie hatte alles zu verlieren. Aber sie wagte den Schritt. Und sie gewann alles zurück.

Auch wir brauchen Mut, um zu einander zu stehen. Mut, nicht wegzuschauen. Mut, uns zu Menschen zu bekennen, die außerhalb unserer Erwartungen stehen. Mut, uns verletzlich zu machen – verletztlich und angreifbar.

Dieser Mut lohnt sich. Denn wenn wir ihn aufbringen, dann spüren wir, dass Gemeinschaft entsteht. Dass Würde wiederhergestellt wird. Dass Gott selbst unter uns sichtbar wird.


Denn Gott sieht alle.
Gott liebt alle.
Gott hört alle.
Gott fühlt mit allen.
Er bevorzugt keinen.
Er bleibt nicht beim einengenden Wort stehen, sondern sprengt Grenzen, um frei zu machen.

Und er flüstert jedem von uns ins Ohr:
„Du bist mein geliebter Sohn.
Du bist meine geliebte Tochter.
Lebe. Lebe in Fülle.“

Darauf vertraue ich.
Darauf vertraue ich, wenn ich in die Gesichter der Könige schaue.
Darauf vertraue ich, wenn ich Ihre Gesichter sehe.


Gott sieht uns. Gott gibt uns Würde.

Wir sind gerufen, diese Würde weiterzugeben. Indem wir einander ansehen, ohne abzuwerten, sondern mit Augen, die Liebe schenken.

Denn die Würde des Menschen ist unantastbar – nicht, weil wir es so schön in unserem Grundgesetz stehen haben. Sondern weil Gott selbst sie uns gibt.

Jesus spricht:
„Ich aber bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)

Amen.

Die Austellung kann gegen eine Ausleihgebühr von 100 Euro ausgeliehen werden. Weitersagen. Werbung machen. Einfach eine Mail schreiben für mehr Infos.

Dankbarkeit

Ich danke dir für Menschen an meiner Seite
mit denen ich die Herausforderungen meines Lebens meistern kann
Für Momente und Gelegenheiten
in denen ich lernen und bestehen darf
Ich danke dir für das Leben,
das ich aus deinen Händen empfangen habe
Eines Tages werde ich es dorthin zurücklegen
Bis dahin will ich jeden Tag leben und wertschätzen
Die Würde eines jeden einzelnen Lebens achten
Mich dafür einsetzen,
dass auch die, die nicht gesehen oder übersehen werden, gesehen werden
Lieben, was mir geschenkt wurde
Respektieren, was mich herausfordert
Stütze sein, wenn es notwendig ist
Mich selbst auch lieben und achten
Mich in der Geduld und Weisheit des Alters üben
Wissen, dass ich nicht alles retten kann
Und Schritt für Schritt weitergehen
Jeden Tag aufs Neue

©Angelika Kamlage

geschrieben für spurensuche.info

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Unser Kennenlernen

„Schau nur – wen ich getroffen habe.“
Mit leuchtenden Augen halte ich dem kleinen König mein Handy hin.
Ein Bild erscheint – ein Königsbruder.
Der kleine König beugt sich neugierig vor.
Ein Strahlen überzieht sein Gesicht, warm und vertraut.

„Ich erinnere mich … damals, in Ralfs Werkstatt haben wir ihn gesehen. Wo hast du ihn getroffen?“

„In der Katholischen Hochschule in Mainz“, antworte ich. Mein Blick gleitet hinaus ins Draußen.
„Weißt du noch, wie alles begann?
2014 kamst du zu mir – oder besser gesagt: zuerst die Frage nach dir.
Ob ich mir vorstellen könnte, einen kleinen König auf meine Reisen, in meine Kurse,
in mein Leben mitzunehmen.“

„Und du hast natürlich SOFORT Ja gesagt und dich riesig gefreut.“
„Äh … nein.“
„Wie? Nein?“
Sein Blick wird leicht beleidigt, seine Krone rutscht fast ein Stück zur Seite.

Ich lache leise.
„Nun ja …
Zuerst fragte ich mich:
Bin ich dem gewachsen?
Deiner Würde? Deiner Stille? Deinem Gewicht –
nicht dem auf der Waage, sondern dem, das man im Herzen spürt?
Es war auch für mich ein besonderes Projekt –
eine Reise zu den Wurzeln der Menschenwürde.
Und ich fragte mich, ob ich dich dorthin führen könnte,
wo du gesehen wirst –
und wo du sehen kannst.
Und doch: Ich bin Fotografin.
Ich sehe gerne genau hin.
Und die Idee, mit einem König Bilder zu machen,
ließ mich nicht mehr los.“

„Aha! Und dann hast du mich gesehen und warst sofort verliebt!“
Er grinst frech, wie ein Kind, das genau weiß, wie besonders es ist.
Ich schenke ihm ein warmes Lächeln.
„So ähnlich.“
„Du warst nicht verliebt?“
Sein Blick senkt sich ein wenig – gekränkt.

Ich nehme ihn in die Hand
„Es war… anders bei uns.
Ich dachte zuerst nach,
antwortete dann Ralf auf seine Frage:
Ja, gerne, aber bitte:
Er soll sitzen können, leicht sein – nicht sperrig, nicht schwer.
Und dann hat Ralf dich erschaffen.
Ohne Holzblock. Mit einem Lächeln. Und federleicht.

Im Oktober 2014 trafen wir drei uns dann auf einer Terrasse am Rhein.
Ralf öffnete einen schlichten Karton.
Du lagst darin –
in ein Tuch gewickelt,
wie ein kleiner Schatz.

Als das Licht dein Gesicht berührte,
sah ich dich –
zum allerersten Mal.
Meine Augen leuchteten, mein Herz wurde ganz still.
Ich wusste: Das ist der Anfang.“

Der König schweigt.
Dieses Mal ist es sein Blick, der sich in der Weite hinter dem Fenster verliert.
Dann spricht er leise:
„Damals wusste ich nicht,
wie viele Wege wir gemeinsam gehen würden.
Wie viele Türen sich öffnen,
wie viele Herzen wir berühren würden.
Manche wund,
manche mutig,
manche voller Fragen.

Und doch…
Alle auf der Suche.
Alle mit Würde.
Und wir – mittendrin.
Miteinander aushalten und uns gegenseitig stützend.
So lange sind wir nun schon unterwegs.
Und noch immer kennen uns nicht alle.“

„Ja, das stimmt“, sage ich leise.
„Aber es werden mehr. Immer mehr.
Der Bruder, den ich in Mainz traf –
er ist ein Zeichen.
Früher fragte man mich:
Warum trägst du einen kleinen König mit dir herum?
Heute begegne ich einem Bruder von dir
einfach so –
mitten im Alltag.“

„Schön“, flüstert er.
„Schön – und wichtig. Die Würde des Menschen ist mehr denn je in Gefahr in unserer Zeit.“

©Angelika Kamlage

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