Kategorie: Gedanken

was mich bewegt

Trümmerarbeit und Neuaufbau

Foto: Franz-Josef Wolf

Manchmal fühlt es sich in der Tat so an. Da sind Kirchengemeinderäte verzweifelt, weil sie die letzten Mohikaner ihrer Kirchengemeinden sind. Sie erzählen von früheren Zeiten, in denen sich die Gruppen auf den Weg gemacht haben, Kandidaten aus ihren Reihen ausgewählt und für den Kirchengemeinderat aufgestellt haben. Sie erzählen von Zeiten als ihre Gemeindefeste ganze Turnhallen füllten und als sie bis spät in die Nacht miteinander tanzten und lachten. Ja, damals in den guten alten Zeiten, da war die Gemeinde noch ein Ort, an dem sich die Menschen trafen und Gemeinschaft, Freundschaft, Leid und Glück miteinander teilten. Damals …

Ich sitze mit diesen Räten an einem Tisch, lausche ihren Erzählungen, fühle ihre Sehnsucht und sehe das Glänzen in ihren Augen. Ist es ein alter Glanz oder spiegeln sich dort Tränen? Wahrscheinlich ist es beides. Hinter Glanz und Tränen liegt die Erkenntnis der letzten Jahrzehnte, dass es gute Jahre waren, doch dass sie nie zurückkehren werden.

Alles vorbei? Liegt alles in Trümmern? Oder ein Netz, das mehr Löcher als Geflecht aufweist? Egal, wie man es betrachtet: Eine Tatsache ist, dass die meisten Kirchengemeinden im Sterben liegen. Wir bewegen uns in der Gemeindearbeit meist im Schatten des alten Glanzes. Manchmal fühle ich mich an Fantasy-Romane erinnert, in denen ein junger Held (oder eine Heldin) zu einer Reise aufbricht, ohne selbst zu ahnen welche Fähigkeiten in ihm (oder ihr) schlummern. Auf der Reise wird ihm (oder ihr) immer wieder berichtet, dass früher – in den alten Zeiten – alles größer, goldener, herrlicher, stärker, strahlender, sommerlicher war und heute nur noch ein Abklatsch dessen in der Welt zu finden ist. In den Romanen geht das dann immer irgendwie gut aus. Der Held (oder die Heldin) entdeckt in sich die alte Kraft und kann mit ihr wieder alles zum Guten wenden. Geschichten. Wie schön sie sind und wie fern doch der Wirklichkeit. Doch den Menschen, denen ich in Gesprächen über die Situation ihrer Kirchengemeinde vor Ort begegne, träumen von genau so einem Helden, der ihnen die alten Zeiten zurückbringt. Manchmal – ganz selten – gibt es Lichtblicke: kurze Zeiten, in denen einzelne Projekte wieder den alten Glanz erstrahlen lassen, doch leider sind das meist nur kurze – kürzeste Zwischenepisoden. Die Trümmer bleiben. Der Neuaufbau bleibt die Sehnsucht. Der Glanz erlischt.

Und es wächst die Erkenntnis, dass wir – ich – du – dass Gemeinde sich wirklich ändern muss, damit sich etwas ändert. Das Reden und Träumen nicht den gewünschten Wandel bringt. Das d i e K i r c h e es nicht rockt. Die Leitung auch keine Lösung weiß. Der zehnte Kirchenentwicklungsprozess wieder nicht die ersehnte Erlösung bringt. –

Was nun also?

Woher kommt Hilfe?

Es ist kompliziert.

Seien wir ehrlich: Das religiöse Wissen geht in der heutigen Welt immer weiter verloren.. Die Präsenz des Glaubens in der Öffentlichkeit nimmt ab. Viele Schlagzeilen, die wir rund um Kirche und den Glauben lesen, sind negativ geprägt. Wer sich heute als Christ outet, wird oft schräg angesehen. Jugendliche, die sich in der Gemeinde engagieren, werden von ihren Mitschülern kritisch hinterfragt oder auch ausgelacht. Der Zerfall ist unaufhörlich im Gange. Trümmer eben.

oder direkt auf dem Antenne Bayern Blog ansehen.

Eine Heldin oder ein Held muss her. Jemand mit alter Kraft. Da war doch was? Doch wer? Ich erinnere mich an meine Großmutter, die mir abends vor dem Zubettgehen noch eine Geschichte von Jesus erzählte. Ich erinnere mich an den Pfarrer, der mir Rede und Antwort stand, wenn ich Fragen hatte. Ich erinnere mich an junge Menschen, denen ich viele Jahre später Rede und Antwort stand, als sie fragten, warum ich eigentlich noch immer glaube.

Während ich darüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass hier ein Funken Wahrheit zu finden ist. Wo erzählen wir heute von unserem Glauben? Wo geben wir Zeugnis für ihn? Ist das die alte Kraft, die in jedem von uns wohnt? Sind wir nicht alle Helden dieser Geschichte? Sind nicht wir – jede(r) Einzelne, der oder die sich Christ(in) nennt – gerufen?

Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt. (Mt. 28,19-20)

In den Trümmern den alten Glanz entdecken. Mich – uns neu mit unserem Glauben zu beschäftigen und ihn wieder Teil des eigenen Alltags werden lassen. Als Christ erkennbar sein. Meinen Glauben leben. Über ihn sprechen. Ihn als Grundlage meines Denkens und Handelns wissen. Dabei ehrlich und authentisch sein, auch dann, nein, gerade dann, wenn es schwer fällt. Nichts verschweigen, aber auch nichts leugnen.

Wie predige ich ansprechend?

erschienen im April 2013 auf predigtpreis.de

Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart,
der bedeutendste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht,
das notwendigste Werk ist stets die Liebe.
(Meister Eckhart)

Dieser Satz von Meister Eckhart bringt etwas Wichtiges für mich auf den Punkt.
Entscheidend ist nicht, dass alles erklärt wird in einer Predigt.
Entscheidend ist auch nicht, ob alles wirklich bis ins letzte Detail ausgefeilt formuliert ist.
Entscheidend ist, an das Ambo zu treten in dem Bewusstsein, dass jeder Mensch – dieser und jener und der dort hinten – alle, die dort in der Bank sitzen – jeder Einzelne von ihnen mit hineingenommen werden möchte in das Entdecken und Verstehen von Gottes Wort.

Habe ich die Menschen, die vor mir sitzen, im Blick, verändert sich meine innere Haltung zum Sprechen. Dann spielt nicht mehr Perfektion eine Rolle, sondern Begegnung mit dem „Du“ im Anderen.

Hilfreich ist dabei, sich schon in der Vorbereitung bewusst zu machen, dass ein Großteil unserer Kommunikation nonverbal abläuft. Körper- und Kopfhaltung, Gestik und Mimik sagen mehr über unser jeweiliges Befinden aus als die Worte, die wir sprechen. Unser Gegenüber registriert sowohl mehr oder weniger bewusst alles, was wir tun oder auch lassen.

Das geschieht auch im Gottesdienst. Gottesdienst als eine besondere Zeit innerhalb des Wochenablaufs. Eine verdichtete Zeit, in der etwas von diesem unsichtbaren, diesem greifbaren, diesem lebendigen und letztlich er-leb-baren Gott für den Einzelnen spürbar werden soll. Doch genau daran mangelt es in vielen Fällen. Menschen gehen nach Hause und sind schlicht enttäuscht von dem, was sie gehört haben. Ich habe es selbst schon häufig erlebt:: Die Predigt spricht mich nicht an. Ich sitze da, bin gelangweilt und mit meinen Gedanken woanders. Früher habe ich mich immer gefragt, ob es am Prediger oder am Thema liegt.

Heute sehe ich vieles anders. Seit zweieinhalb Jahren beschäftige ich mich nun schon intensiv mit dem Thema „Liturgische Präsenz“ nach Thomas Kabel. Ich habe mehrere Seminare bei ihm besucht. Gelernt habe ich in dieser Zeit, dass die Heilsbotschaft des Evangeliums nicht nur vom Kopf her begriffen werden möchte, sondern auch mit dem Herzen. Dabei kommt es auf den ganzen Menschen an: darauf wie er blickt, seine Mimik, welche Körperhaltung er einnimmt und wie und ob er sich bewegt. Alles am Menschen predigt sozusagen mit, und alles entscheidet auf diesem Wege mit, ob die Botschaft letztlich beim Zuhörer ankommt.

Authentizität steht dabei bei den Kirchenbesuchern hoch im Kurs, so stelle ich immer wieder fest. Die besten, tiefsten, überzeugendsten Gedanken kommen nicht an, wenn sie eintönig und emotionslos vorgetragen werden, wenn sie beim Hörer so das Gefühl hervorrufen, dass das, was dort vorne vorgetragen wird, mit dem wirklichen Leben zu tun hat.

Eine lebendige Ausstrahlung, etwas frischer Wind und eine Prise der eigenen Glaubenserfahrung geben einer Predigt den nötigen Schwung. Doch wie kann das erreicht werden?

Hier setzt „Liturgische Präsenz“ ganz konkret an. Dabei bleiben die Verkündigung und die Auslegung völlig unberührt. Ein Coach kann einen Prediger unterstützen und ihm zeigen, wie es gelingen kann, dass die Botschaft auch wirklich gehört wird. Er beobachtet aufmerksam das Gestogramm des zu Coachenden und prüft, ob es mit der gesprochenen Botschaft übereinstimmt. Es geht nicht darum, den Menschen grundlegend zu verändern, sondern darum, sein Bewusstsein zu schärfen, seine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen menschlichen Kommunikationsebenen zu lenken. So kann schließlich mit Stimme, Tonlage, Emotion, Gestik und Mimik das verdeutlicht werden, was zum Ausdruck gebracht werden soll. Im konkreten Üben bedeutet das, dass immer wieder neu überprüft wird, wohin der Blick wann gerichtet werden sollte, wie die Füße stehen, wie und ob sich die Hände bewegen. Es braucht die Wiederholung, das neue Einüben, um alte Verhaltensweisen zu verändern. Doch mit dem Einüben des Neuen entsteht auch ein neues Bewusstsein für die Handlung selbst.

Gottes Wort mit den Menschen zu teilen, ist ein Anliegen. Wir müssen „nur“ den Weg dafür bereiten. Dabei ist es hilfreich, sich seiner eigenen Ausdrucksbandbreite immer wieder neu bewusst zu werden, dann kann die Botschaft auch beim Empfänger ankommen. Es liegt am Prediger, sie immer wieder neu mit Verstand, Herz, Hand und Mund zu vermitteln.

Angelika Kamlage / 7.4.2013