Kategorie: zum Nachdenken

Impulse für die erste Seite

Nein, das können wir besser!

Moment mal.
Was passiert denn da?
Bilder von randalierenden Menschen.
Bilder von eingeschlagenen und geplünderten Geschäften.
Ach ja – alles schon gesehen.
In den USA ist ganz schön was los.

Moment mal.
Mein Herz setzt eine Sekunde aus. Ich bekomme einen Schreck, als ich erkenne, dass es sich dieses Mal nicht um die USA handelt, sondern um meine Nachbarschaft.

Die Welt verändert sich. Deutschland verändert sich. Schon länger – nicht erst seit Corona. Doch scheint Corona einen Prozess zu beschleunigen, der bisher zwar stetig, doch eher langsam abgelaufen ist. Die Schere zwischen den Menschen mit mehr und weniger Glück, Privilegien, Geld, Arbeit und Lebenssicherheit wird größer. Ich glaube auch wahrzunehmen, dass die Ansprüche des Einzelnen ans Leben wachsen.

Vergleiche ich mich mit anderen, die mehr zu haben scheinen als ich, werde ich schnell unglücklich. Orientiere ich mich an dem, was meinen Möglichkeiten entspricht, bleibe ich auf dem Boden. Trotzdem bleibt das Gefühl der Ungleichheit, das mich bewegt. Dazu gesellt sich bei einer zunehmenden Zahl von Menschen das Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit, nichts an ihrer Situation ändern zu können. Schon lange war der Glaube an Verschwörungsnarrative nicht mehr so groß wie zur Zeit. Wissenschaftler sagen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Verschwörungsnarrative und dem Gefühl der Machtlosigkeit gibt.

Sorgenvoll blicke ich nach Stuttgart, Amerika, Brasilien, auf die ganze Welt. Was wird werden? Wie werden wir alle damit umgehen? Mehr Gewalt. Mehr Zwang.
Nein, das sollte nicht die Lösung sein müssen.
Nein, das können wir besser.
Wir alle.
Mein Glaube – jeder ist ein geliebtes Kind Gottes.
Meine Hoffnung – den Wert meines Nächsten nicht unter meinen eigenen Wert zu stellen.
Meine Sehnsucht – wieder uns gegenseitig mehr in den Blick nehmen anstatt nur mich selbst.
Meine Erkenntnis – wenn alle sich im Blick haben, muss ich mich um mich nicht sorgen.

Und seid gewiss:
Ich bin jeden Tag bei euch bis zum Ende der Welt. (Mt. 28,20)

erschienen auf spurensuche.de – ein Portal für die Spurensuche im Leben!

Fürchte Dich nicht vor den Menschen (Mt 10,26)

Fürchtet Euch nicht vor denen;
die den Leib töten können –
die Seele können sie nicht töten.
Fürchtet vielmehr den,
der Leib und Seele dem Verderben preisgeben kann.

Jeden Sonntag einen Gedanken zur Woche.
Diese Woche sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Wer hat die Corona-App geladen, wer nicht. Warum nimmt der Glaube an Verschwörungstheorien zu? Heute morgen dann die Bilder aus Stuttgart.
„Fürchte Dich nicht!“ Was für eine Zusage in diesen Zeiten. Schon wieder oder immer noch? Gott bleibt an meiner Seite. Unverbrüchlich.
Und ich? Was ist mein Job in diesen Zeiten?

Schreibt mir (wochenimpuls[at]angelika-kamlage[dot]de) oder hinterlasst hier einen Kommentar, was Ihr dazu denkt! <3

Eine stille Geschichte

Es passiert immer wieder. Jeden Tag. Überall auf der Welt. Babys werden geboren. Eltern freuen sich über das neue Leben. Es wird gelacht und erzählt…. – alltäglich und doch besonders.

Und auch das passiert. Jeden Tag. Überall auf der Welt. Babys sterben. Mitten im Werden. Mitten im Wachsen. Kurz vor der Geburt. Kurz nach der Geburt. Plötzlich. Unerwartet. Eltern weinen. Alle sind fassungslos. Alle sind hilflos.

Ich treffe Alex*, die Geschwister und die Eltern. Ein Familienshooting. Die beiden Großen turnen beim Fotografieren zwischen Alex, den Eltern und mir herum. Es geht so lebhaft zu, dass man fast vergessen könnte, wo wir eigentlich sind.
Emil* und Franz* schneiden Grimassen für lustige Familienfotos und toben dabei auf dem Schoß von Mama und Papa herum. Alex liegt im Arm der Mama. Die Augen geschlossen. Ganz ruhig lässt Alex alles geschehen. Emil küsst das Baby. Franz klettert derweil auf meinen Schoß, ergreift die Kamera und beginnt ebenfalls Fotos von seiner Familie zu machen.
Wir lachen viel – wie das eben so ist bei Familienshootings. Gleichzeitig rätseln wir, wie das mit dem Tod wohl sein mag, was Alex jetzt erlebt und ob er im Himmel auf Mama, Papa, Emil und Franz warten wird. Emil und Franz erklären mir, dass Alex ein ganz besonderes Geschenk sei, weil er ein „beides“ Baby ist, und dass das wunderbar ist, weil Franz einen Bruder und Emil eine Schwester wollte und Alex nun „beides“ ist. Dann wird es ein wenig still. Der Mama rollt eine Träne über die Wange und der Vater schaut stumm auf das Baby im Arm seiner Frau. Franz und Emil umarmen den stillen Alex, küssen es auf die Stirn und fahren zärtlich über die Wangen des Babys. So viel Liebe im Raum, auch Traurigkeit, doch die Liebe überwiegt alles alles andere. Ein ganz besonderes Geschenk, das da im Arm der Mama liegt. Ein wunderbarer Moment.

Und dann betten sie den kleinen Menschen gemeinsam in den kleinen Sarg. Das Stofftier, das die Großen für ihn ausgewählt haben, hat es fest im Arm. Liebevoll decken die Eltern den kleinen Schatz mit der mitgebrachten Kuscheldecke zu.

Ich bin Sternenkind-Fotografin. Solche und ähnliche Momente sind nie alltäglich, wenngleich sie tagtäglich passieren. Ich lerne in diesen Situationen immer wieder neu, wie wichtig es ist, dass es diese Möglichkeit für die Eltern gibt. Die Bilder helfen im Umgang mit der Trauer. Ein Ehrenamt, von dem ich selbst auch immer wieder beschenkt werde.

Die Webseite für Interessierte www.dein-sternenkind.eu

erschienen auf spurensuche.de

*Alle Namen sind von mir geändert.

Genau hingeschaut

Es gibt Momente, in denen sitze ich verzweifelt an meinem Computer. Immer wieder passiert das beim Lesen von Mails. Meist geht es in diesen Mails darum, wie wir „Kircheninternen“ miteinander umgehen. Ich schreibe „meist“ und denke: „Nein, eigentlich geht es immer darum.“

Ich merke in immer höheren Maße, wie schlecht es mir mit der Schere geht, die dadurch in meinem Herzen entsteht. Ich erlebe Predigten, die Güte und Liebe lehren, und Ansprachen, in denen die Wichtigkeit der Ehrenamtlichen in den Mittelpunkt gestellt wird. Dann erlebe dann im konkreten Handeln jener, dass es unverändert darum geht, nicht zu teilen oder Partizipation zuzulassen, sondern mit neuen Worten alles beim Alten zu lassen.
Vor einigen Tagen sagte mir jemand, dass Macht an sich nicht negativ wäre, sondern dass ein Umschlagen ins Negative erst dann erfolgt, wenn Macht zur Herrschaft wird. Es machte „klick“ als ich das hörte.

Als Geistliche Begleiterin bin ich so vielen Menschen begegnet, die mir ihre persönlichen Eindrücke vom kirchlichen Alltags-Gemeinde-Leben erzählen. Sie berichten von Machtspielen, von Intrigen, von Hilflosigkeit und von dem zunehmenden Gefühl, dass ihr Glaube dadurch verloren geht. Unbequem zu sein, die eigene Vision und den eigenen Glauben ins Gespräch zu bringen – das ist in unseren Gemeinden noch immer unerwünscht. Gewünscht ist Konformität – egal, was es kostet. Meist geht es darum, dass die „Schlagrichtung“ einer Gemeinde eine gemeinsame sein muss – für was oder gegen wen auch immer.

Wer unkonform bleibt, wer sich andere Blickwinkel wünscht, wer sich dafür einsetzt, stößt auf Unverständnis bis hin zur Ausgrenzung. Zurück bleiben Menschen, die sich verletzt zurückgezogen haben und Kirche lieber zukünftig aus der Ferne beobachten.
Jedoch: Ihre Sehnsucht nach Gott, seiner Nähe, nach Gemeinschaft bleibt.

Für mich stellt sich immer wieder die Frage, wie wir dafür Lösungen finden können. Beim Synodalen Weg ist ein Thema Machtmissbrauch. Das ist gut. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob auch das geschilderte Problem dabei wirklich im Blick ist.
In den Gemeindeentwicklungsprozessen, die ich begleiten darf, versuchen wir genau diese Problematik nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht einfach, doch unglaublich wichtig, um als Christen und Kirche glaubwürdig zu bleiben.